Freitag, 17. Juni 2016

4. Sonntag nach Trinitatis; mit einem Kommentar zu den Leitgedanken der NAK vom 19. Juni 2016

Bild: Vaga: Die Splitter und Balken in den Augen der Anderen, ca. 1999.
Gemeinde der Sünder

„Der 4. Sonntag nach Trinitatis wendet sich der Gemeinde zu. Sie wird als Gemeinde der Sünder gesehen, die der Gnade Gottes bedarf. Ohne die Erkenntnis der eigenen Sünde ist es unmöglich, die Gnade Gottes anzunehmen, weil man sie nicht für nötig hält. Selbstgerechtigkeit entsteht, die dann in Überheblichkeit und Menschenverachtung mündet. Wichtig ist der Aspekt der Gemeinschaft; wir sind Sünder eben nicht (nur) als Individuen, sondern als Gemeinschaft, indem wir z.B. durch Schweigen teilhaben an dem Unrecht, das an anderen durch Menschen unserer Gemeinschaft geschieht. Am 4. Sonntag nach Trinitatis werden wir daran erinnert, dass wir eine Gemeinde von Sündern sind, die der Vergebung bedarf. So haben wir auch nicht das Recht, unseren Nächsten zu richten. Wir wissen aber um die große Gnade, dass Gott gerade denen nachgeht, die in Schuld gefangen sind“ (www.daskirchenjahr.de).

Im Verlauf der fortlaufenden Bibellese hören wir Ps 106, 24-48:
Gott steht zu seinem Bund mit Israel
Sie verschmähten auch das herrliche Land und glaubten nicht, was Gott gesagt hatte. Sie murrten in ihren Zelten und hörten nicht auf die Stimme des Herrn. Da erhob er seine Hand gegen sie, um sie in der Wüste zu Boden zu schlagen und ihre Nachkommen unter die anderen Völker zu zerstreuen, sie zu versprengen in fremde Länder. Sie dienten Baal, dem Götzen, der in Peor verehrt wurde, und aßen von den Opfern, die für die Toten bestimmt waren. Durch ihr Tun riefen sie Gottes Zorn hervor, und so brach eine Seuche unter ihnen aus. Da machte sich Pinhas auf und griff richtend ein, und darum kam die Seuche zum Stillstand. Weil Pinhas so Gottes Willen tat, fand er seine Anerkennung, und zwar für ewig, in allen künftigen Generationen. Dann erregten sie Gottes Zorn beim Wasser von Meriba, und diesmal erging es Mose schlimm ihretwegen. Denn sie reizten ihn so sehr, dass unbedachte Worte über seine Lippen kamen. Auch vernichteten sie die Völker nicht, die der Herr ihnen ausdrücklich genannt hatte. Und so vermischten sie sich mit den fremden Völkern und übernahmen ihre Lebensweise. Sie dienten deren Götzen, und die wurden ihnen zum Verhängnis. Nun opferten auch sie ihre Söhne und Töchter den Dämonen. Ja, sie vergossen unschuldiges Blut, das Blut ihrer Söhne und Töchter, das sie den Götzen Kanaans opferten. So wurde das Land durch Blutschuld entweiht. Durch ihre Taten waren sie unrein in Gottes Augen, und wie Ehebrecher brachen sie ihm die Treue. Da wurde der Herr sehr zornig auf sein Volk, er verabscheute sie, die doch sein Eigentum waren. Er gab sie in die Gewalt fremder Völker; sie wurden beherrscht von Menschen, bei denen sie verhasst waren. Ihre Feinde machten ihnen schwer zu schaffen, und ihrer Macht mussten sie sich nun beugen. Viele Male befreite Gott sie aus ihrer Not, doch sie beharrten eigensinnig auf ihrem falschen Weg. Durch ihre Schuld ging es immer weiter bergab mit ihnen. Doch Gott sah ihre Not und hörte ihr Schreien. Ihnen zuliebe dachte er an seinen Bund, so reich wie seine Gnade war nun auch sein Mitleid mit ihnen. Und so ließ er sie Erbarmen finden bei allen, die sie gefangen hielten. Rette uns, Herr, unser Gott! Sammle uns, bring uns zurück aus den fremden Völkern, damit wir deinen heiligen Namen neu preisen und uns glücklich schätzen, dein Lob wieder erklingen zu lassen. Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Und das ganze Volk sage dazu: Amen! Halleluja! (NGÜ)

Die Evangeliumslesung für den heutigen Sonntag steht in Lk 6, 36-42:
Niemand verurteilen
»Werdet barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist! Verurteilt nicht andere, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen. Sitzt über niemand zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. Verzeiht, dann wird Gott euch verzeihen. Schenkt, dann wird Gott euch schenken; ja, er wird euch so überreich beschenken, dass ihr gar nicht alles fassen könnt. Darum gebraucht anderen gegenüber ein reichliches Maß; denn Gott wird bei euch dasselbe Maß verwenden.«
Gegen blinde und überhebliche Besserwisserei
Jesus machte ihnen auch in Bildern deutlich, wovor sie sich hüten sollen; er sagte: »Kein Blinder kann einen Blinden führen, sonst fallen beide in die Grube. Kein Schüler steht über seinem Lehrer. Und wenn er ausgelernt hat, soll er wie sein Lehrer sein. Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders oder deiner Schwester und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen? Wie kannst du zu deinem Bruder oder deiner Schwester sagen: ›Komm her, Bruder; komm her, Schwester; ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen‹, und merkst gar nicht, dass du selbst einen ganzen Balken im Auge hast? Scheinheilig bist du! Zieh doch erst den Balken aus deinem eigenen Auge, dann kannst du dich um den Splitter in einem anderen Auge kümmern!« (GNB)

Die Leitgedanken der NAK für den 4. Sonntag nach Trinitatis tragen die Überschrift: „Apostel - Gesandte Jesu Christi“

Die Predigtgrundlage findet sich in „Apg 8, 14–17: Als aber die Apostel in Jerusalem hörten, dass Samarien das Wort Gottes angenommen hatte, sandten sie zu ihnen Petrus und Johannes. Die kamen hinab und beteten für sie, dass sie den Heiligen Geist empfingen. Denn er war noch auf keinen von ihnen gefallen, sondern sie waren allein getauft auf den Namen des Herrn Jesus. Da legten sie die Hände auf sie und sie empfingen den Heiligen Geist.“ (LUT)

Begründet wird dieser Schwerpunkt so: „Der dritte Sonntagsgottesdienst ruft uns auf, das vom Herrn gesandte Apostelamt anzunehmen und dessen Auftrag zu unterstützen. Hierzu können wir das gegenwärtige Wirken der Apostel in Wort und Tat vor den Menschen bezeugen. Das Erkennen der Notwendigkeit des Amtes, das Handeln aus der Kraft des Heiligen Geistes und der würdige Empfang der Sakramente sind dabei Eckpfeiler unseres Bekenntnisses“ (alle Zitate sind entnommen aus den o. g. Leitgedanken der NAK).

Kommentar: "Eckpfeiler unseres Bekenntnis" ist das Apostolische Glaubensbekenntnis. Eine andere Formulierung stellt das berühmte Glaubensbekenntnis von Bonhoeffer von 1934 dar:


Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
so viel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet. Alle: Amen!

Ein anderes Glaubensbekenntnis stammt von Beatrice von Weizsäcker. Es ist zu finden in ihrem Buch Ist da jemand? Gott und meine Zweifel, 2014, München, Piper TB 30414, 308-311:

Was ich glaube

Ich glaube an Gott -
Der nicht allmächtig ist im Sinne von Herrschaft,
der nicht verzeiht, weil er nicht verdammt,
der nicht richtet, weil er gar nicht erst prüft.

Sondern an Gott -
Der uns so nimmt, wie wir sind;
der immer da ist, wenn wir da sind;
der uns behütet, Tag und Nacht;
auch an den Tagen, an denen wir spotten;
und in den Nächten, wenn der Albtraum uns packt;
der immer bei uns ist,
auch wenn wir zweifeln.

Ich glaube an einen Gott für alle,
ob sie nun Christen heißen oder nicht.

Ich glaube an Jesus -
Als Aktivisten in Sachen Gott;
dessen Worte mir Ansporn,
dessen Taten mir Vorbild,
dessen Werte mir wichtig sind,
auch wenn Nichtchristen für sie streiten.
Zu dem man beten kann, aber nicht muss.
Denn an einen personalen Gott glaube ich nicht.

Ich glaube an den Heiligen Geist -
Wenn er Gemeinschaftsgeist ist und das Gewissen.
An eine Kirche, die nicht einengt
und mir nicht vorschreibt, was ich glauben muss.
An das Priestertum aller Gläubigen,
das auch Nichtgetaufte umfasst.

An "die Gemeinschaft der Heiligen" glaube ich nicht,
denn wer kann schon sagen, wer heilig ist.
An "die Gemeinschaft der Seligen" aber glaube ich.
Denn selig sind alle.

Ich glaube an Christen, die nicht spalten,
sondern zusammenstehen - auch in der Not.
Die barmherzig sind und sich einsetzen, so wie Jesus es einst tat.

Ich glaube an Menschen -
Als Aktivisten in Sachen Welt,
ob sie nun glauben oder nicht.
Ich glaube an Menschen,
die Verantwortung nicht scheuen.
Wei die Antwort auf ihr Leben
die Verantwortung mitumfasst.
Ob sie sich Christen nennen oder anders,
ist mir letztlich einerlei.

An die Auferstehung glaube ich nicht,
denn das ist doch seltsam,
aber an das Dableiben, auch im Tod.
Ich glaube nicht an einen Tod, der uns trennt,
sondern das Beieinanderbleiben, jederzeit.

Ich glaube an die Ewigkeit.
Und die ist schon da.

So habe ich Kraft.
Mehr als ich habe.

Ich glaube gern an meinen Gott.

Amen.


Zum heutigen Sonntag erklingt in mir die Kantate: „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“ (BWV 177) von Johann Sebastian Bach (1685-1750). „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“ ist ein lutherisches Kirchenlied aus der Reformationszeit (s. u.).
Mein Lied für den heutigen Sonntag lautet: „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ (T: Johann Agricola um 1526/27; M: Hagenau um 1526/27, Wittenberg 1529).

Kommentar: An stelle eines Kommentars zitiere ich, kommentarlos, einige Absätze aus Sabine Demel: Zur Verantwortung berufen. Nagelproben des Laienapostolats. Freiburg: Herder, 2009:
  • "Volk Gottes ist die Kirche insofern, als sie die Versammlung all derer ist, die an Christus glauben, Gottes Volk insofern, als diese Versammlung sich nicht einer menschlichen Initiative verdankt, sondern Gott" (25).
  • "Alle sind gemäß ihrer je eigenen Stellung in der Kirche zur Ausübung der Sendung berufen, ..." (25).
  • Das alte Kirchenbild wird durch das sog. "Hierarchiemodell" beschrieben, in dem der Papst [Stammapostel; MS] der absolute Bezugspunkt für die kirchliche Gemeinschaft" darstellt; es ist durch ein neues Kirchenbild, dem sog. "Communiomodell" abzulösen, "in dem alle Amtsträger und Gläubige in einer lebendigen wechselseitigen Beziehung zu- und miteinander stehen und eine grundsätzliche Gleichheit aller Glieder des Volkes Gottes besteht" (25f).
  • "Denn Kraft der Taufe werden alle Gläubigen zu einem heiligen Priestertum geweiht und sind dadurch befähigt wie auch beauftragt, die göttliche Heilsbotschaft allen Menschen kundzutun. Gemeinsames Priestertum heißt also, dass jedes einzelne Glied des Volkes Gottes in, mit und durch die Taufe berufen ist, an der Sendung der Kirche mitzuwirken" (27).
  • "Das amtliche Priestertum ist für das gemeinsame Priestertum alle Gläubigen da und nicht umgekehrt; ja, mann kann sogar sagen: Gäbe es das gemeinsame Priestertum nicht, gäbe es auch das amtliche Priestertum nicht" (29)!

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