Sonntag, 17. Juli 2016

In eigener Sache II - Vorwurf Illoyalität



Apostel Falk schmeißt Musikbeauftragten raus, weil der ökumenische Losungen verbreitete


Eutin (gk). Die NAK verheizt gerne ihre Engagierten in dem sie immer wieder auf Eskalation statt auf Kompromiss baut. Gerade der neuapostolische Norden fällt hier immer wieder unangenehm auf. Konfliktlösung mit harter Hand zu betreiben hat dort Tradition, denkt man beispielsweise an den Fall Blankenese. Deeskalation, Verhandlung, Transparenz, Kompromisse sind Fremdworte. Neu ist allerdings, dass auch gefälschte Stammapostelaussagen für disziplinarische Maßnahmen herhalten müssen. 

Matthias Schröter war seit 2009 in der Gemeinde Eutin musikalisch aktiv, zunächst als Chorleiter, dann setzte ihn vor drei Jahren der damalige Gemeindevorsteher Wolfgang Schumacher zum Musikbeauftragten. Schröter ging den Job engagiert an. Er entwickelte Musik-Gottesdienste, gab dem Weihnachtsgottesdienst einen anspruchsvolleren und festlicheren Rahmen, organisierte Orgelworkshops und bildete sich selbst mit Chorleiterschulungen weiter. „Meine musikalische Arbeit wurde in Chor und Gemeinde überwiegend geschätzt und wohlwollend begleitet. Auch aus dem Amtsbrüderkreis kamen lobende und wohlwollende Kommentare“, erzählt er gegenüber glaubenskultur. 

Der Dirigent ist mitten im Christentum verankert. In seinen Einsatzplänen für die Musiker der Gemeinde notiert er neben dem Datum des jeweiligen Sonntages dessen Namen im Kirchenjahr. E-Mails an denselben Personenkreis leitete er mit den ökumenischen Monatslosungen aus dem Buch „Mit der Bibel durch das Jahr“ ein. Im Bezirk Kiel ist das eigentlich nichts Ungewöhnliches. In der zwanzig Kilometer entfernten Stadt bemüht man sich schon seit längerer Zeit um eine Teilnahme an der Nacht der Kirchen. 2015 klappt es zum ersten Mal: die Neuapostolische Kirche ist dabei.

Schröters Arbeit blieb lange unbeanstandet, bis es Anfang 2016 zu einem Vorsteherwechsel kam. Während der Vorgänger die musikalische Arbeit in der Gemeinde wohlwollend begleitete und den Musikschaffenden weitgehend freie Hand lies, suchte der Nachfolger, Raimund Paugstadt, direkt nach Amtsantritt den Konflikt.

Warum? Welche Probleme hat er gesehen? Hat er von höherer Stelle Order dazu bekommen? - Dazu wollte sich Paugstadt nicht gegenüber glaubenskultur äußern. Laut Schröter gab es nie ein offenes Gespräch ihm über die Gründe. Man würde das kaum glauben, wenn man nicht viele ähnliche Fälle aus der neuapostolischen Kultur kennen würde. „Es ging augenscheinlich nie darum, einen gemeinsamen Weg zur Gestaltung der musikalischen Arbeit in der Gemeinde unter der neuen Gemeindeleitung zu finden.“ Fachliche Aspekte, so Schröter, wollte der Vorsteher nicht hören.

Nur fünf Tage nach dessen Übernahme der Gemeindeleitung durch den neuen Vorsteher wurde der Musikbeauftragte am 15. Februar 2016 zu einem „Gespräch“ mit dem Bezirksevangelisten Martin Munz geladen. Mit dabei Paugstadt, sowie der stellvertretende Musikbeauftragte und Organist der Gemeinde. Doch ein sachlicher Austausch fand nicht statt. Munz zog vielmehr ein Papier aus der Tasche mit dem Titel „Gedanken des Stammapostels aus Ämtergottesdienst im Oktober 2015“. 

Unter dieser Überschrift steht als erstes: „Diener Gottes sein heißt: Wir sollen mit unserer Aufgabe das Heil dem anderen zugänglich machen (...) Das heißt: Der Diener kann nur seine Arbeit verrichten, wenn er in der Verbindung mit dem Apostolat steht. Ein Diener ist lediglich ein Ausführender. Er führt nur aus, was der Meister ihm sagt. Voraussetzung: Demut - Eigenes Wollen, eigene Entscheidung, eigene Meinung in den Hintergrund stellen.“ 

Es folgen einige „pädagogische Schlüsse“, die sich offenbar gezielt auf Schröters bisherige Arbeit beziehen: „Wir geben Gott die Ehre, in der Nachfolge der Apostel. Wir verzichten auf eigene abweichende Ziele, Vorlieben etc. Wir geben dem Heiligen Geist Raum: (...) So wenig, wie die Predigt festgelegt ist, so spontan sollen die Musizierenden darauf reagieren. Dass unsere Musik und Arbeit sich an die inhaltlichen Vorgaben durch die Leitgedanken, Leitworte der Apostel des Stammapostels angepasst ist und nicht an irgendwelche anderskonfessionellen Leitmotive.“ 

Diese merkwürdige Art der Konfliktlösung, besser gesagt, der Konfliktgenese ist ebenfalls keine Unbekannte innerhalb der neuapostolischen Kirche: Aus Mangel an eigenen Argumenten wird mit einem Verweis auf eine Aussage einer anderen Person gearbeitet, deren Autorität sich allein von einer hierarchisch höheren Position ableitet. Damit werden dann disziplinarische Maßnahmen legitimiert. Zahlreiche ähnliche Fälle sind bekannt, erinnert sei beispielsweise nur an den süddeutschen „Fall Nüßle“. 

Die Kommunikation verläuft in solchen Fällen einseitig, ohne Interesse an der Sicht des anderen. So auch hier: „Gelegenheiten zu einer Diskussion gab es bei diesem Treffen nicht nicht“, erzählt Schröter. „Mir wurde vorgeworfen, dass ich mit der Durchführung der Gottesdienste mit vermehrter Musik ‚über das Ziel hinausgeschossen‘ sei.“ Warum jedoch jeder Versuch einer Steigerung der Gottesdienstattraktivität schon gleich ein „über das Ziel hinaus Schießen“ sein soll und warum es mindestens drei Jahre für gut befunden wurde, dafür gab es keine Erklärung.

Die Vorgehensweise, in disziplinarischer Absicht ein Papier mit einem Auszug aus einem Stammapostelgottesdienst in das Gespräch einzubringen hat noch eine weitere Dimension: Das Papier ist schlicht gefälscht, die Stammapostelaussage, mit der Schröter diszipliniert werden sollte, zusammengeschustert. glaubenskultur legte dem Pressesprecher des Stammapostels, Peter Johanning, vor mit der Anfrage, ob das so richtig wiedergegeben worden sei.

Seine Antwort: „Nein, das stimmt so nicht: 1. Der Gottesdienst fand nicht im Oktober, sondern im September 2015 statt (nicht mal das Datum stimmt!) 2. Das angebliche Zitat findet sich nirgendwo – es ist zusammengesucht aus der Predigt des Stammapostels, die allein sieben Seiten im Bericht ausweist! Es ist schon eine Schande, was einige aus solch einem Gottesdienst zusammen basteln.“ Nach dieser klaren Einordnung fragt man sich, wie oft so etwas eigentlich in ähnlichen Fällen noch vorkommen? 

Zwei Monate später erhielt das Ehepaar Schröter Besuch vom Vorsteher. Der - beruflich eigentlich Fachmann für Kommunikation - schraubte, statt auf Vermittlung und Kompromissfindung zu bauen, wie man das in einem solchen Fall in ähnlichen Organisationen nun erwarten würde, die Eskalationsstufe höher und stellte die neuapostolische Gretchenfrage: „In diesem seelsorgerischen und somit vertraulichen Gespräch sagte Bruder Paugstadt, dass er nichts gegen mich persönlich habe. Aber er müsse die Frage klären, wie ich es mit der Loyalität gegenüber dem Apostelamt halten würde.“ Schröter antwortete darauf: „Ich bin loyal Gott und Jesus Christus gegenüber!“ Der Vorsteher soll nur entgegnet haben: „Das habe ich mir gedacht!“ 

Am 14. April fand ein zweites „Gespräch“ statt. Dieses Mal nahm der der Bezirksälteste Jürgen Fellensiek daran teil, daneben eine weitere Chorleiterin und ein Hirte im Ruhe- stand, der sich für Schröter einsetzte. Doch auch dieses Treffen verlief nicht lösungsorientiert, sondern konfrontativ ab: „Kern der Auseinandersetzung war: ‚Die Arbeit des Chorleiters bzw. Musikbeauftragten sollte durch Loyalität und Verbundenheit der Kirche gegen- über deutlich werden.‘ Die mangelnde Loyalität wurde mit der Gestaltung des monatlichen Einteilungsplanes für die ChorleiterInnen und OrganistInnen begründet. Die Nennung der entsprechenden Kirchensonntage sei in der NAK nicht üblich und die den Plan begleitende Mail, die den ökumenischen Monatsspruch zitiert sei kein Gedankengut ‚aus dem Apostelamt‘ und hätte deswegen zu unterbleiben.“ - „Dieser Anweisung kam ich nicht nach“, fügt Schröter hinzu. 

Ironischerweise führt der genannte Bezirksälteste „Gesprächsabende“ zum Thema „Neuapostolische Kirche und Ökumene“ durch und ist verantwortlich für die Beteiligung der NAK in der Kieler Nacht der Kirchen. Nur ein paar Kilometer weiter freut man sich währenddessen über die Aufnahme der Neuapostolischen Kirche als Gastmitglied in die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Mecklenburg-Vorpommern. Die darf sich nun also möglicherweise auf den Tag X freuen, an dem ihr erklärt wird, dass ökumenische Monatssprüche und die Nennung der Sonntagsbezeichnungen aus dem Kirchenjahr „nicht aus dem Apostelamt“ kämen und deshalb von nun an zu unterbleiben haben.

Als weitere Kritik wurde Schröter Vokabular und Aufmachung von Programmtexten vorgehalten. Diese würden von „einigen“ als „zu evangelisch“ oder als „nicht apostolisch“ bewertet. Gemeint war dabei offenbar Ausdrücke wie „Liturgie“, „Einzug“, „Abkündigungen“. Auch diese Kritikpunkte könnten aus einem Leitfaden für klassisch destruktive neuapostolische Argumentationsmuster stammen.

Und so kam es, wie es in solchen Fällen kommen musste: „Am 26.5.16 erfolgte schließlich meine Demission. An diesem ‚Gespräch‘ nahmen Priester Raimund Paugstadt, Apostel Ulrich Falk und ich teil. Es verlief wie folgt: Ohne ein bei solchen Treffen übliches gemeinsames Gebet kam Apostel Falk sofort zur Sache. Ohne lange Vorrede teilte er mir verbindlich im Ton aber hart in der Sache mit, dass ich von meinen Aufgaben als Musikbeauftragter und Chorleiter der Gemeinde entbunden bin. Als Begründung wurde meine nicht ausreichende Loyalität dem Apostelamt gegenüber genannt. Dabei zitierte Falk aus dem oben angegebenen seelsorgerischen und somit vertraulichen Gespräch zwischen Paugstadt und mir. Ausdrücklich sagte Ulrich Falk: ‚Wir sind eine apostolische Kirche!‘ Sinngemäß führte er aus, dass ohne eine enge Verbindung zu ‚Ihrem Apostel‘ Aufgaben in der NAK nicht durchgeführt werden könnten.“ 

Warum das allerdings lange Jahre offenkundig kein Problem war und auch gut funktionierte, und ob das Anmerken der Sonntagsbezeichnungen aus dem Kirchenjahr oder das Zitieren von ökumenischen Losungen ausreichend sind, um eine nicht vorhandene Loyalität gegenüber dem Apostelamt nachzuweisen, waren dem für Schleswig-Holstein zuständigen Apostel keine Ausführungen wert. Paugstadt und Falk bestritten gegenüber glaubenskultur, dass die Demission Schröters „dogmatische Gründe“ gehabt habe. Welche aber dann? Musikalische? Sowohl der Vorsteher als auch der Apostel weigerten sich, den Fall zu erklären. 

Seine musikalische Arbeit in der Gemeinde sei in einem Brief von Falk an die Gemeinde ausdrücklich anerkannt worden, berichtet der nun rausgeworfene Musikbeauftragte. Auch die Innovationen können eigentlich nicht die Gründe sein, denn in einem aktuelle gültigen „Leitfaden für die Arbeitsgruppe der Musikbeauftragten im Bezirk Kiel“ heißt es schon im ersten Punkt: „Raum für Ideen geben – denken, reden, handeln. Quer denken ist erlaubt und sogar erwünscht, auch scheinbar verrückte Gedanken und Ideen habe eine Daseinsberechtigung, Innovationen sind stets willkommen.“ Als er darauf hingewiesen habe, so Schröter, sei dies als „provokant“ bezeichnet und zurückgewiesen worden. 

An der Vorgehensweise im Fall Eutin wird deutlich: Wenn andere als die gewohnten Wege gegangen werden, dann wird den Innovativen im Zweifelsfall nicht der Rücken gestärkt, sondern deren Kritikern. Personen, die sich teils jahrzehntelang in der Kirche in oft aufopfernder Weise betätigt haben, werden innerhalb von wenigen Wochen ohne inhaltliche Auseinandersetzung entsorgt, wenn sie nicht mehr in das Konzept irgendeines Amtsträgers passen, der in der Hierarchie etwas höher steht, auch wenn er erst später in diese Position ordiniert wurde. Der Vorwurf Illoyalität funktioniert dabei zuverlässig.

Dabei sind die Akteure nicht bereit, ihr Handeln gegenüber der Kirchenöffentlichkeit, nicht einmal gegenüber den Betreffenden, transparent und nachvollziehbar zu gestalten. Das schadet jedesmal der gesamten neuapostolischen Kirche. 

m. koch, 2016-07-10 - Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion

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