Sonntag, 10. August 2014

10. Sonntag nach Trinitatis - Kommentar zu den LG vom 24.08.2014

Einleitung: "Die Gottesdienste im August entfalten die unterschiedlichen Aspekte des Themas „Aus dem Wesen Christi handeln“. Diejenigen, die an Jesus Christus glauben und ihn bekennen, haben nicht nur eine bestimmte innere Haltung, sondern zeigen eine entsprechende Handlungsweise. Nachfolge Christi bedeutet, den Herrn zum Vorbild zu nehmen, ihm in Wort und Tat nachzueifern.“

Im Gegensatz zu den anderen August-Sonntagen werden zu dem heutigen Sonntag keine weitere Ausführungen vorgenommen.

Die Leitgedanken für die Predigt tragen die Überschrift: „Gott will unser Heil!“

Predigtgrundlage für die Gottesdienste der NAK ist 1 Tess 5, 9-11: „Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. Darum ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“

Als Kernbotschaft wird folgendes formuliert: „Gott will unser Heil. Wir wollen mit ihm in ewiger Gemeinschaft leben.“

Die Bibelstelle wird in den folgenden Kontext gestellt: „Apostel Paulus macht den Thessalonichern deutlich, dass Jesus Christus für die Lebenden und die Entschlafenen kommen wird (1 Thess 4, 13–18). Dann zeigt er, wie das Leben im Licht des 'kommenden Tages' sein wird (1 Thess 5, 1–11). 'Zorn' bedeutet hier Gericht. Der 1. Thessalonicherbrief ist wohl die älteste Schrift des Neuen Testaments." Er ist etwa 50 n. Chr. entstanden.

Schließlich werden die LG so zusammengefasst:
Gott will die ewige Gemeinschaft mit uns. Auch wir wollen ewig mit Gott leben, deshalb richten wir uns am Willen Gottes aus, indem wir 
  • unseren Alltag nach dem Evangelium gestalten. 
  • ihm unsere Gedanken und Vorhaben im Gebet vortragen. 
Jeder ist aufgerufen, die Gemeinschaft zu fördern. Dazu wollen wir uns untereinander trösten, ermuntern und erbauen“ (alle Zitate aus den o. g. LG). 

Kommentar: „Es ist bezeichnend, dass wir schon bzw. gerade in einem so frühen Dokument des ältesten Christentums den Widerschein erfahrener Parusieverzögerung haben: nach 4, 13 sind Probleme aufgetreten, weil Christen gestorben sind, obwohl man sie doch als die 'messianische Generation' gepriesen hatte. Die Frage war: werden sie dann also die Wiederkunft Jesu nicht erleben, weil sie zuvor gestorben sind? Um diese Frage zu beantworten, führt Paulus die Auferstehung als Hilfsvorstellung ein (...).
Der Brief ist an Christen gerichtet, die noch nicht lange Christen sind. Daher überwiegt zunächst das Thema Bekehrung. In keinem anderen Brief behandelt Paulus dieses Thema so intensiv. (…) Noch nicht entfaltet sind die Rechtfertigungslehre und die Auffassung vom stellvertretenden Tod Jesu (nur kurz erwähnt in 5, 10). Im übrigen erwartet Paulus die entscheidende rettende Rolle Jesu erst für dessen Wiederkunft (1, 10). Auch sonst betont dieser Brief die Endereignisse sehr stark. Die Anfrage der Gemeinde nach dem Geschick der Toten beantwortet Paulus mit einer genauen Abfolge der Endereignisse. In 5, 1-11 fügt er ein Stück Wachsamkeitsmahnung hinzu, dass große Ähnlichkeit mit den entsprechenden Mahnungen der Verkündigung Jesu hat“ (BNÜ, Einleitung zu 1 Thess, 40f).

Christsein aus paulinischer Perspektive (Thess 5, 1-11) bedeutet weder Weltflucht in apokalyptischer Passivität und Jenseitsorientiertheit, noch die Identifizierung mit irgendeiner Art Weltzustand. (…) Christsein bedeutet demnach eine eschatologisch begründete, kritische Distanz zur Welt, bei gleichzeitiger Nähe und Zugewandtheit zum Nächsten. Dies je neu zu aktualisieren und zu konkretisieren, ist Aufgabe einer wachen und nüchternen Verkündigung (vergl. Franz Laub, 1985, 33).


Am 24.08.2014 "feiern wir den 10. Sonntag nach Trinitatis – Die Kirche und das Volk Israel. Traditionell ist der 10. Sonntag nach Trinitatis dem Volk Israel als dem Volk Gottes gewidmet. Erst recht nach dem Holocaust darf unser Verhältnis zum jüdischen Volk nicht mehr von pauschalen Vorwürfen geprägt sein. Vielmehr muss unser Bemühen einer Verständigung zwischen der christlichen Gemeinde und dem jüdischen Volk dienen. Jesus selbst gehörte diesem Volk an. Wir haben kein Recht, es als das verworfene Volk zu betrachten" (vergl. Röm 9-11; aus: Senftleben, Mit dem Kirchenjahr leben, 1988, 75). 

Als Holocaust [ˈhoːlokaʊ̯st, holoˈkaʊ̯st] (griechisch ὁλόκαυστον holókauston ‚vollständig verbrannt‘) oder Shoa (hebräisch ‏הַשּׁוֹאָה‎ ha'Schoah „die Katastrophe“, „das große Unglück / Unheil“) wird der Völkermord an 5,6 bis 6,3 Millionen Menschen bezeichnet, die das Deutsche Reich in der Zeit des Nationalsozialismus als Juden definierte. Er gründete auf dem vom NS-Regime propagierten Antisemitismus, zielte auf die vollständige Vernichtung der europäischen Juden und wurde von 1941 bis 1945 systematisch, ab 1942 auch mit industriellen Methoden durchgeführt. Quelle: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie. Stichwort: Holocaust. Download vom 10.08.2014.)

An dieser Stelle möchte ich einmal ausdrücklich auf die Bibel in gerechter Sprache hinweisen. Sie bemüht sich in dreierlei Hinsicht um "Gerechtigkeit":  
  • Geschlechtergerechte Sprache;
  • Gerechtigkeit in Hinblick auf den christlich-jüdischen Dialog;
  • Soziale Gerechtigkeit.
"Insbesondere für das Neue Testament ist in den letzten Jahrzehnten in großer Breite aufgedeckt worden, wie sehr dieses auf jüdischem Boden entstandene Buch antijüdisch und damit verzerrt gelesen und entsprechend übersetzt wurde. Ein Beispiel sind die so genannten 'Antithesen' der Bergpredigt, wo die Übersetzung 'Ich aber sage euch' im Sinne einer Wendung Jesu gegen die jüdische Tradition verstanden werden muss. Es handelt sich jedoch um eine von den Rabbinern oft verwendete Formel, die sachgemäßer mit 'Ich lege euch das heute so aus' wiedergegeben wird, womit es nicht mehr um 'Antithesen' geht (GSB, 11).
Die GSB leistet meiner Ansicht nach einen hervorragenden Beitrag für den christlich-jüdischen Dialog und wird somit dem eigenen Anspruch mehr als gerecht.

Der Wochenpsalm im Ablauf des (ev.) Kirchenjahres ist Ps 74:
משכיל לאסף למה אלהים זנחת לנצח יעשן אפך בצאן מרעיתך׃ 
 זכר עדתך קנית קדם גאלת שבט נחלתך הר־ציון זה שכנת בו׃ 
 הרימה פעמיך למשאות נצח כל־הרע אויב בקדש׃ 
 שאגו צרריך בקרב מועדך שמו אותתם אתות׃ 
 יודע כמביא למעלה בסבך־עץ קרדמות׃ 
 ועת פתוחיה יחד בכשיל וכילפת יהלמון׃ 
 שלחו באש מקדשך לארץ חללו משכן־שמך׃ 
 אמרו בלבם נינם יחד שרפו כל־מועדי־אל בארץ׃
 אותתינו לא ראינו אין־עוד נביא ולא־אתנו ידע עד־מה׃ 
 עד־מתי אלהים יחרף צר ינאץ אויב שמך לנצח׃ 
 למה תשיב ידך וימינך מקרב חוקך כלה׃ 
 ואלהים מלכי מקדם פעל ישועות בקרב הארץ׃ 
 אתה פוררת בעזך ים שברת ראשי תנינים על־המים׃ 
 אתה רצצת ראשי לויתן תתננו מאכל לעם לציים׃ 
 אתה בקעת מעין ונחל אתה הובשת נהרות איתן׃ 
 לך יום אף־לך לילה אתה הכינות מאור ושמש׃ 
 אתה הצבת כל־גבולות ארץ קיץ וחרף אתה יצרתם׃ 
 זכר־זאת אויב חרף יהוה ועם נבל נאצו שמך׃ 
 אל־תתן לחית נפש תורך חית ענייך אל־תשכח לנצח׃ 
 הבט לברית כי מלאו מחשכי־ארץ נאות חמס׃ 
 אל־ישב דך נכלם עני ואביון יהללו שמך׃ 
 קומה אלהים ריבה ריבך זכר חרפתך מני־נבל כל־היום׃ 
 אל־תשכח קול צרריך שאון קמיך עלה תמיד׃

(Quelle: Public Domain: Freely available for non-commercial use provided that this header is included in its entirety with any copy distributed. From the printed Code manual deposited with the electronic text: "The project was made possible ... by the gracious release granted by the Deutsche Bibelstiftung, Stuttgart, publishers of Biblia Hebraica Stuttgartensia."

Die Lesung aus dem Evangelium findet sich bei Lk 19, 41-48. An dieser Stelle wird jedoch davon abweichend Röm 9 wiedergegeben:

"Der Schmerz des Apostels über die Ablehnung des Evangeliums durch Israel, sein eigenes Volk
Was ich jetzt sage, sage ich in der Gegenwart Christi. Mein Gewissen bezeugt mir, und der Heilige Geist bestätigt mir, dass es die Wahrheit ist und dass ich nicht übertreibe: 
Der Gedanke an die Angehörigen meines Volkes, an meine Brüder, mit denen mich die gemeinsame Herkunft verbindet, erfüllt mein Herz mit tiefer Traurigkeit. Ihretwegen bin ich in ständiger innerer Not; ich wäre sogar bereit, für sie ein Verfluchter zu sein, ausgestoßen aus der Gemeinschaft mit Christus.
Sie sind ja Israeliten; ihnen hat Gott die Sohneswürde geschenkt. Ihnen hat er sich in seiner Herrlichkeit gezeigt, mit ihnen hat er seine Bündnisse geschlossen, ihnen hat er das Gesetz und die Ordnungen des Gottesdienstes gegeben, ihnen gelten seine Zusagen.
Sie sind Nachkommen der Stammväter, die Gott erwählt hat, und aus ihrer Mitte ist seiner irdischen Herkunft nach der Messias hervorgegangen, Christus, der Herr über alles, der für immer und ewig zu preisende Gott. Amen.
Das wahre Israel 
Es ist nun nicht etwa so, dass Gottes Zusagen hinfällig geworden wären. Aber es gehören eben nicht alle Israeliten zum ´wahren` Israel.
Nicht alle, die von Abraham abstammen, sind deshalb schon seine ´wahren` Kinder. Vielmehr ´war zu Abraham gesagt worden`: »Als deine Nachkommen sollen die gelten, die von ´deinem Sohn` Isaak abstammen.«
Mit anderen Worten: Nicht die leibliche Abstammung macht Menschen zu Kindern Gottes; zur wahren Nachkommenschaft Abrahams werden nur die gerechnet, die aufgrund der Zusage, die Gott ihm gegeben hatte, von ihm abstammen.
Diese Zusage lautete nämlich so: »´Nächstes Jahr` um diese Zeit werde ich wiederkommen, und dann wird Sara einen Sohn haben.«
Und nicht nur dieses eine Mal war es so, sondern auch bei Rebekka, als sie Zwillinge bekam. Beide waren zwar Söhne unseres Stammvaters Isaak, aber Gott ist es, der beruft. Noch bevor sie daher geboren waren und irgendetwas Gutes oder Böses getan hatten, sagte er zu Rebekka: »Der Ältere wird sich dem Jüngeren unterordnen müssen.« Damit bekräftigte Gott die bleibende Gültigkeit seines Plans, nach dem seine Wahl nicht von menschlichen Leistungen abhängig ist, sondern einzig und allein von seiner eigenen freien Entscheidung.
Darum heißt es in der Schrift auch: »Jakob habe ich meine Liebe zugewandt, aber Esau habe ich von mir gestoßen.«
Gott schenkt sein Erbarmen, wem er will
Welchen Schluss sollen wir nun daraus ziehen? Ist Gott etwa ungerecht? Niemals!
Er sagt ja zu Mose: »Wenn ich jemand mein Erbarmen schenke, tue ich es, weil ich Erbarmen mit ihm habe; wenn ich jemand mein Mitleid erfahren lasse, geschieht es, weil ich Mitleid mit ihm habe.«
Es liegt also nicht am Menschen mit seinem Wollen und Bemühen13, sondern an Gott und seinem Erbarmen.
Aus diesem Grund steht in der Schrift auch folgendes Wort, das Gott dem Pharao sagt: »Die Macht, die du hast, habe ich dir deshalb gegeben, weil ich an dir meine eigene Macht zeigen will und weil dadurch mein Name überall in der Welt bekannt werden soll.«
Wir sehen also, dass Gott so handelt, wie er es will: Er lässt den einen sein Erbarmen erfahren, und er bewirkt, dass ein anderer sich ihm gegenüber verschließt.
Man wird mir jetzt entgegenhalten: »Warum zieht er uns dann noch zur Rechenschaft? Dem, was er beschlossen hat, kann sich ja doch niemand widersetzen!«
So? Was bildest du dir ein? Du bist ein Mensch und willst anfangen, mit Gott zu streiten? Sagt etwa ein Gefäß zu dem, der es geformt hat: »Warum hast du mich so gemacht, ´wie ich bin`?«
Hat der Töpfer nicht das Recht, über den Ton zu verfügen und aus ein und derselben Masse zwei verschiedene Gefäße zu machen – eines für einen ehrenvollen Zweck und eines für einen weniger ehrenvollen Zweck?
Und ´was sagst du dazu,` dass Gott die, die ´gewissermaßen` als Gefäße seines Zorns für das Verderben bereitgestellt sind, bisher mit so großer Geduld getragen hat? Er will zwar, dass man ´an ihnen die Auswirkungen` seines Zorns sieht und seine Macht erkennt.
Andererseits will er aber auch, dass man erkennt, in welch reichem Maß er seine Herrlichkeit den Gefäßen seines Erbarmens schenkt – uns, für die er diese Herrlichkeit vorbereitet hat. Er hat uns dazu bestimmt, an ihr teilzuhaben, und hat uns auch berufen, nicht nur aus dem jüdischen Volk, sondern auch aus den anderen Völkern, wie er es im ´Buch des Propheten` Hosea sagt: »Ich werde die mein Volk nennen, die nicht mein Volk waren; ich werde die meine geliebte Frau nennen, die bisher ungeliebt war.«
»Gerade dort, wo zu ihnen gesagt wurde: ›Ihr seid nicht Gottes Volk!‹, werden sie ›Söhne ´und Töchter` des lebendigen Gottes‹ genannt werden.«
Und Jesaja ruft im Hinblick auf Israel aus: »Selbst wenn die Israeliten so zahlreich wären wie der Sand am Meer, wird doch nur ein kleiner Teil von ihnen übrig bleiben und gerettet werden.
Denn was der Herr angekündigt hat, das wird er ohne Einschränkung und ohne Verzögerung auf der ganzen Erde ausführen.«
Was Jesaja hier über Israel vorausgesagt hat, sagt er auch an einer anderen Stelle. Es heißt dort29: »Hätte der Herr, der allmächtige Gott, nicht einige von unserem Volk übrig gelassen, dann wäre es uns wie Sodom ergangen; es wäre mit uns dasselbe geschehen wie mit Gomorra.«

Das Scheitern Israels in seinem Bemühen um Gerechtigkeit
Welchen Schluss sollen wir nun daraus ziehen? Menschen, die nicht zum jüdischen Volk gehören, sind von Gott für gerecht erklärt worden, ohne sich darum bemüht zu haben. Sie haben die Gerechtigkeit empfangen, deren Grundlage der Glaube ist.
Israel hingegen hat bei all seinem Bemühen, das Gesetz zu erfüllen und dadurch zur Gerechtigkeit zu gelangen, das Ziel nicht erreicht, um das es beim Gesetz geht.
Und warum nicht? Weil die Grundlage, auf die sie bauten, nicht der Glaube war; sie meinten, sie könnten das Ziel durch ihre eigenen Leistungen erreichen. Das Hindernis, an dem sie sich stießen, war der »Stein des Anstoßes«, von dem es in der Schrift heißt: »An dem Grundstein, den ich in Zion lege, wird man sich stoßen; er ist ein Fels, an dem man zu Fall kommen wird. Aber wer ihm vertraut, wird vor dem Verderben bewahrt werden« (NGÜ).




Johann Heinrich Schein (1586-1630): Israelis Brünnlein. Geistliche Madrigale zu 5 oder 6 Stimmen und B. c.
Ensemble Vocal Européen - Leitung: Philippe Herreweghe
Download vom 10.08.2014

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